Heute nur noch Geschichte?
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„Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“
Mit der NS-Zeit verbundene Gedenkanlässe und –riten sind noch immer umstritten, wie z.B. die Debatten um den Auftritt des damaligen US-Präsidenten R. Reagan mit H. Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg (1985, Gräber auch von Mitgliedern der Waffen-SS), neuerlich um die Nachrufe im Auswärtigen Amt für Wehrmachts- und SS-Angehörige oder auch um den 8. Mai zeigen.
„Wer eine Funktion im Nationalsozialismus hatte und bewusst oder unbewusst dafür sorgte, dass dieses Räderwerk lief, muss sich gefallen lassen, dass seine Tätigkeit nach 1945 nicht lobend oder ehrend herausgehoben wird. … Auch wer im Nationalsozialismus Mitläufer war, erhebt mittlerweile Anspruch, als Opfer gesehen zu werden. Wie groß muss der Schulddruck und das Bedürfnis nach Schuldabwehr sein, wenn so viele der unmittelbar Beteiligten sich zunehmend als Opfer stilisieren?“1)
Auch in traditionsverpflichteten Gymnasien sollte überlegt werden, ob für die Toten der beiden Weltkriege Gedenktafeln, wie sie noch immer dort angebracht sind, dem pädagogischen Anspruch und dem daraus abgeleiteten politischen Selbstverständnis heutiger Schulen noch entsprechen.
Zwar gibt es auf so ziemlich jedem Dorffriedhof solche Gedenkstätten, aber ein Gymnasium will ja kein Dorffriedhof sein.
Es sollte sich eine angemessenere, auch der heutigen Generation vermittelbare Lösung finden lassen, zumal es in den meisten Gymnasien noch immer keine Gedenktafeln für die wirklichen Opfer der NS-Diktatur gibt.
Gymnasium Steglitz: „Dem Gedächtnis unserer Gefallenen“ ist eine große Wandtafel gewidmet.
„Es starben für das Vaterland“ lautet das Gesamtmotto.
Dieses Gedenken hat seine neuzeitlichen Wurzeln in der Heldenverehrung des kaiserlichen und dann besonders des nationalsozialistischen Reiches, und zwar auch im Gymnasium Steglitz, wie z.B. folgende Zitate belegen:
Bis Anfang der 80er Jahre wurde täglich eine Seite des Buches „Unsere Toten“ in zwei beleuchteten Vitrinen vor der Wandtafel umgewendet.
Am 17.10.78 stand neben dem Namen der ausdrückliche Zusatz „Angehöriger der Waffen-SS“!
Titel, Ämter, Funktionen werden in Gedenktafeln, Grabinschriften oder Todesanzeigen stets in belobigender Absicht als positive Hervorhebungen oder Ehrungen dem Namen hinzugefügt.
Keine Gedenktafel für die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur.
Schadow-Gymnasium: In der Aula befindet sich eine Gedenktafel für die in den beiden Weltkriegen gefallenen Lehrer und Schüler.
Eine politisch-historisch einordnende, aus heutiger Sicht pädagogisch formulierte Erläuterung fehlt.
Eine Erinnerungstafel für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fehlt.
Paulsen-Gymnasium: Eine große, auffällig gestaltete Holztafel (darüber ein Helm mit Eichenlaub) erinnert an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer und Schüler:
„Es starben für das Vaterland“
„Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht.“
Gegenüber: Mehrere ineinander gesetzte Kreuze mit einem kleinen Marmorblock:
„Unseren Gefallenen 1939-1945“.
Keine Erinnerungstafel für die Opfer des NS-Terrors.
Willi-Graf-Gymnasium: Bis zur neuen Namensgebung (1990) mahnte lediglich eine große Wandtafel zum Gedenken an die Kriegstoten.
Diese Wandtafel wurde nach 1990 durch Dokumente zu Willi Graf und der Weißen Rose ergänzt.
Arndt-Gymnasium: Vor der Aula erinnert eine Marmortafel an „Unsere Gefallenen“
Von 1914 bis 1921! Ev. sind hier in der Homepage genannte Freikorps-Kämpfer einbezogen.
Davor: Soldatenkopf mit Helm auf einer Stele.
Eine Holztafel in der Aula gedenkt der über 500 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Schüler.
Anfang der 50er Jahre wurde die Inschrift geändert:
„Den Arndtern, die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurden. Den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Mahnung“
2003 haben Lehrer, Eltern und Schüler für eine schlichte, bronzene Gedenktafel gesammelt:
| ZUM GEDENKEN AN DIE OPFER DER NATIONALSOZIALISTISCHEN GEWALTHERRSCHAFT |
Lilienthal-Gymnasium: Neben einer aufwändig geschnitzten Holztafel
„Dem Gedächtnis unserer für das Vaterland 1914-1918 gefallenen Lehrer und Schüler“ - „Ein Beispiel hab’ ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe.“ Joh. 13 reflektiert ein Hinweis:
„Diese Gedenktafel dokumentiert für uns die Trauer um die Gefallenen des 1. Weltkriegs, der unbeschreibliches Leid hervorgerufen hat.
Sie ist Ausdruck der politischen und ideologischen Verhältnisse dieser Zeit, wie auch das in diesem Zusammenhang missbrauchte und dadurch gefährliche Bibelwort zeigt.
Diese Toten waren Opfer einer verantwortungslosen Politik.
Ihr Sterben und die Tafel als historisches Dokument seien Mahnung und Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen und alles zu tun, den Frieden zu erhalten.“
Hermann-Ehlers-Gymnasium: Vor der Aula eine Wandtafel: „Unsren Gefallenen beider Weltkriege zum Gedächtnis“.
Handgeschriebene Zusätze:
„Ehre den Mitläufern“ (wohl zynisch gemeint) und
„Ehre den ermordeten Deserteuren und Verweigerern“
Ergebnis der vermutlich durch die Schülerschaft ausgelösten Kontroverse ist eine zweite Tafel:
„Den Opfern von Krieg und Gewalt“
Einen ganz anderen Weg hat das 1939 gegründete Dreilinden-Gymnasium gewählt:
Picassos „Guernica“ – großformatig, vom Kunst-Bereich der Schule entworfen und erstellt – mahnt eindrucksvoll vor den Schrecken des Krieges.
Zu einer ähnlichen Lösung ist Anfang der 80er Jahre vor dem Hintergrund des für den Weltfrieden immer bedrohlicher werdenden Kalten Krieges auch das Beethoven-Gymnasium gekommen:
An die Außenwand der neuen Turnhalle wurde mit Einarbeitung des Steglitzer Rathauses Picassos Werk projiziert. Nach einigen Jahren durch eine andere, nunmehr entpolitisierte Wandbemalung abgelöst.
In den ehemaligen Mädchenschulen Beethoven-, Droste-Hülshoff-, Fichtenberg-, Werner-von-Siemens- und Goethe-Gymnasium gibt es keine Gedenktafeln für die Toten der beiden Weltkriege, allerdings auch keine Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus.
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