Heute nur noch Geschichte?
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Steglitz-Zehlendorf gehört noch heute zu den bevorzugten Wohnbezirken. Ein gutbürgerlicher Bezirk. Seine sozioökonomischen und kulturellen Strukturen blieben trotz einiger der Entwicklung und Modernisierung geschuldeter Umbrüche weitgehend konstant. 
In Berlin-Dahlem gründete Pfarrer Niemöller 1933 den „Pfarrernotbund“ (später: „Bekennende Kirche“). In der Dahlemer Dorfkirche hielt er seine Widerstandsreden.
Steglitz-Zehlendorf also ein Hort des Widerstands gegen die NS-Diktatur? Müsste eigentlich. „Gutbürgerlich“ heißt ja auch: gut situiert, gebildet, kultiviert.
Steglitz war aber eine „Hochburg der Rechten“:
| Die NSDAP erhielt in Steglitz bei der Reichstagswahl im März 1933 ca. 45% (Berlin: ca. 35%). Der antidemokratische Wählerblock NSDAP, DNVP, Schwarz-Weiß-Rot erreichte in Steglitz ca. 65% (Berlin: ca. 46%). |
Soziale Deklassierung und Arbeitslosigkeit können dabei keineswegs die auslösenden Triebfaktoren gewesen sein. In Bezirken wie Steglitz und Zehlendorf waren die Ursachen wohl eher in ideologisch bestimmten Haltungen des dortigen Bürgertums zu finden.
Der Bürgermeister von Steglitz, Herbert Treff, war Mitglied der NSDAP und der SS.
„Die ‚SS-Leibstandarte Adolf Hitler’ zog in die Gebäude der ehemaligen Haupt-Kadettenanstalt in Lichterfelde. Dort fanden 1934 im Rahmen des ‚Röhm-Putsches’ zahlreiche Erschießungen statt.
Sitz des nach dem ‚Reichssicherheitshauptamt’ wichtigsten SS-Amtes, dem ‚SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt’, wurde der Gebäudekomplex Unter den Eichen 126 - 135. Von dort aus wurde u.a. die wirtschaftliche Ausbeutung der Häftlinge in den Konzentrations- und Vernichtungslagern organisiert.
Auch in Steglitz wurden im November 1938 in der Reichskristallnacht Geschäfte demoliert und geplündert.
Als Beispiele für Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus können die ‚Gruppe Onkel Emil’ um Ruth Andreas-Friedrich und Leo Borchard im Hünensteig 6 sowie der ‚Kreisauer Kreis’ in der Wohnung von Peter Graf Yorck von Wartenburg in der Hortensienstraße 50 gelten.“1)
“Auch die dunklen Zeiten der Geschichte gingen nicht spurlos an Zehlendorf vorbei, da hier nicht nur wie anderswo jüdische Mitbürger verfolgt wurden, sondern auch NS-Stellen angesiedelt waren, deren Existenz Auswirkungen auf ganz Europa hatte. So wurde im Haus der Wannsee-Konferenz 1942 die ‘Endlösung der Judenfrage’ in die Wege geleitet.
Im Dahlemer Institut für Anthropologie wurden rassistische Menschenversuche angestellt und im Reichsgesundheitsamt die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma pseudowis-senschaftlich unterstützt.“2)
Zum heutigen Steglitz-Zehlendorf gehören auch folgende Nachrichten:
| „Der 8. Mai 1945 steht neben der Befreiung vom totalitaristischen Naziregime auch für den Schrecken und das Leid der Bevölkerung, den die Rote Armee von Ostpreußen bis nach Berlin zu verantworten hat. Im Rahmen der Veranstaltung gedenkt das BA der Verfolgten und Ermordeten des Naziregimes, der Kriegsopfer, Flüchtlinge, Vertriebenen, geschändeten Frauen und der Opfer des sinnlosen Bombenkrieges.“ |
Die Debatte wurde begleitet durch Äußerungen, die eine Nähe zu rechtem, nationalkonservativem Denken offenbarten.
Eine merkwürdige Debatte: War der 8. Mai 1945 für die Deutschen ein „Tag der Befreiung“ oder ein „Tag der Niederlage“. Merkwürdig, weil diese Frage spätestens 1985 mit einer Grundsatzrede des damaligen Bundespräsidenten R. v. Weizsäcker unmissverständlich beantwortet schien:
Der 8. Mai 1945 war für Deutschland ein Tag der Befreiung.3)
Sollte hier ein über viele Jahre mühsam und
engagiert erarbeitetes Geschichtsverständnis über die NS-Zeit wieder im Sinne nationalkonservativen Denkens umgedeutet werden? Wollten die Bezirkspolitiker mit ihren Statements den aktuellen „Schlussstrich-Trend“ politisch unterfüttern?
Der Güterbahnhof Grunewald, von dem mehr als 50.000 jüdische Bürger in die Vernichtungslager transportiert wurden, liegt im Nachbarbezirk Wilmersdorf!
Öffentlicher Druck hat für eine Korrektur des Beschlusses gesorgt.
„Die Bezirksverbände von CDU und FDP befleißigten sich einer hartnäckigen Obstruktionspolitik … Dabei scheuten sich die beiden Parteien nicht, auf die Stimmen der rechtsextremen Republikaner als Mehrheitsbeschaffer im Bezirksparlament zurück zu greifen. … Es blieb der Nachgeschmack … einer Debatte, die die Sehnsucht nach dem ‚Schlussstrich’ bloßlegte, eine Sehnsucht, die zehn Jahre später im Diskurs der Deutschen als Opfer wieder Konjunktur hat.“ 4)
Die politischen Kräfteverhältnisse haben sich nach der letzten Wahl im September 2006 in Steglitz-Zehlendorf leicht verschoben.
| CDU und Grüne wollen nun „ein Konzept zur Neubegründung der bezirklichen Erinnerungskultur schaffen, um ein würdiges Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Bezirk zu schaffen. Ziel dabei ist es, ein allgemeines Interesse der Bürgerinnen und Bürger an der geschichtlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu fördern und antidemokratischen und rechtsradikalen Tendenzen mit Unterstützung des Bezirks entgegenzutreten.“8) |
Die Erwartungen müssen gedämpft bleiben. Grüne und CDU verstehen sich in Steglitz-Zehlendorf offensichtlich nicht nur als Zählgemeinschaft, sondern zunehmend auch als politisch gemeinsam handelnder Verbund:
Zur Zeit jedenfalls bleibt es fraglich, ob die Grünen mit ihrer eher konservativ ausgerichteten Kooperationspolitik (→ Jamaika-Koalition) mit der CDU gerade im bildungsbürgerlichen Steglitz-Zehlendorf den o.g. Versuch (→ 8. Mai 1945) eines immer weiter ausgreifenden Geschichtsrevisionismus stoppen können.
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