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weiter → Aus den Schularchiven der Gymnasien
| „Wer über die Geschichte einer Schule schreibt, schreibt auch über die deutsche Geschichte und kann nicht die Jahre 1918, 1933 und 1945 außer acht lassen, ebenso wenig die Tatsache, dass der Schulalltag mit Resten einer unbewältigten Vergangenheit zu ringen hat.“ 1) |
In der Diskussion über neonazistische Haltungen bei Jugendlichen werden auch schulische Unterrichts- und Erziehungsdefizite verantwortlich gemacht.
Das führt zu Fragen nach Inhalt und Intensität des diesbezüglichen Unterrichts, schließlich auch zu den hier behandelten Fragen, wie sich Schulen ihrer Geschichte bewusst sind und wie sie sich heute in ihrer historischen Entwicklung darstellen.
„Schulgeschichte ist ein Widerschein der Zeitgeschichte.“ 2)
Auch die Darstellung der Schulgeschichte ist ein solcher „Widerschein“, ebenso wie die zu verschiedenen Zeiten abgegebenen Urteile über die Schule und deren Geschichte (→ Die NS-Zeit der Schulen im Rückblick).
Auf eine qualifizierte Schulbildung wurde und wird in Steglitz-Zehlendorf viel Wert gelegt. Steglitz-Zehlendorf war und ist der Bezirk in Berlin mit dem größten Angebot an weiterführenden Schulen (z.B. 13 Gymnasien, einige erst nach 1945 zu Gymnasien umgewandelt).
Wie vermitteln Gymnasien in Steglitz-Zehlendorf ihr geschichtliches Selbstverständnis der Öffentlichkeit? Gerade Gymnasien sind ja klassische Träger von Traditionen.
Das heute zeitgemäße Informations- und Präsentationsmedium ist das Internet. Alle Gymnasien haben ihre Homepage ins Internet gestellt. Fast alle haben dort auch ihre geschichtliche Entwicklung, ihr geschichtliches Selbstverständnis und ihren daraus abgeleiteten Unterrichts- und Erziehungsauftrag der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Homepage soll die Funktion einer modernen, informativen, werbenden Visitenkarte erfüllen. Adressaten sind hauptsächlich Eltern anzumeldender Kinder oder an einem Schulwechsel interessierte Schüler und Lehrkräfte. Das Informationsbedürfnis der Adressaten dürfte sich im wesentlichen auf den Jetzt-Zustand (Schulprofil, Angebote, Gebäude, Schulgröße, Ausstattung etc.), Zukunftsplanung, ev. auch auf eine kurz zurückliegende Vergangenheit der jeweiligen Schule beziehen.
Es wäre folglich durchaus verständlich, wenn die Homepage auf den Link „Schulgeschichte“ verzichtete. Die frühzeitliche Entwicklungsgeschichte – insbesondere die NS-Zeit – kann ja nicht zur Werbung genutzt werden und sagt kaum etwas über die Unterrichts- und Erziehungsarbeit der heutigen Schule aus, könnte also unerwähnt bleiben.
Allerdings: Ein ehemaliger Steglitzer Bürgermeister schrieb,
„… dass Wege und Irrwege deutscher Geschichte auch an der Geschichte einer Schule ablesbar sind.“3)
Diese knappe Aussage lässt sich durch die noch immer vorhandenen Schulakten belegen.
Für die „Irrwege deutscher Geschichte“ waren ja nicht nur die NS-Führer und deren große Organisationen verantwortlich. Auch auf den kommunalen Ebenen (Schule, Schulverwaltung) wurden wesentliche Elemente der NS-Ideologie in das alltägliche Leben integriert – und zwar von Anfang an und sehr umfassend.
Schulgeschichtliche Darstellungen gewinnen damit also auch in der Homepage der Schulen - insbesondere der Gymnasien – Bedeutung.
| In der Homepage fast aller Gymnasien in Steglitz-Zehlendorf weist die Schulgeschichte aber eine Lücke auf. Die Schulgeschichte ist bei nur sehr wenigen Ausnahmen weitgehend „entnazifiziert“, „entsorgt“. Ein Beitrag zur „Schlussstrich-Diskussion“? |
Drei Schulen geben in ihrer Homepage keine Informationen über ihre Geschichte.
Die hier eingearbeiteten Informationen des Fichtenberg-Gymnasiums enthalten zwar nur wenige konkrete Fakten, lassen aber keinen Zweifel an der Beherrschung der damaligen Schule durch das NS-System; ergänzend wird auf eine vertiefende Publikation von Marianne Büning4) verwiesen.
Die folgenden Daten sind den aktuellen Homepages entnommen - ohne schulbezogene Zuweisungen (Ausnahme: Arndt-Gymnasium).
Die Zuweisungen können aber in der Regel über die Fußnoten erschlossen werden.
„... glücklich, dem Vaterland dienen zu können ...“
„Die Sache ist alles, die Person ist nichts.“
Wenn nicht anders angegeben, sind alle Angaben dem Homepage-Text von Hilmar Werner (AGD) entnommen.21)
| „Wer vor 1933 an einer höheren Schule als Lehrer zu wirken hatte, bemühte sich vergeblich, wenn er die Jugend für die Weimarer Republik zu gewinnen dachte. Gab es an sich schon kaum Lehrer, die solches im Sinne hatten, so hätte auch das einmütige Bestreben eines ganzen Kollegiums an dem Zustand nichts geändert.“ (Wachsmuth) |
„Trotz einer gewissen inneren Distanz soll die schwarz-rot-goldene Flagge am AGD nicht als ‚schwarz-rot-senf’ verspottet worden sein, obgleich man die schwarz-weiß-rote eher als die eigene empfand.“
| Die „Dahlemer Blätter“ berichten von den „hervorragenden Waffentaten“ der eigenen Lehrer im Kriege und vom „opfermutigen Sterben der Soldaten“. |
| Ein ehemaliger Schüler: „… wir ahnten dumpf die Schrecknisse des Hinweises ‚Sei still, sonst kommst du ins KZ‘. Wir wussten um den Terror – und im Lehrerzimmer wusste man es auch.“ |
Am AGD war eine national-konservative Elite auf innere Distanz gegenüber dem ‚Nazi-Pöbel’ gegangen und beschränkte sich auf äußere Konformität. Dies konnte jene Elite sich leisten, weil sie mächtig genug war.
Dennoch: Manche innere Konformität des „Arndter Geistes“ mit dem Nationalsozialismus Man verachtete die Nationalsozialisten als die „Partei der kleinen Leute“
Jene Rechtskonservativen waren froh, dass die „Braunen“ ihnen die „rote Gefahr“ vom Leibe hielten ... Also spielt man äußerlich mit:
Die Fahnen wurden gehisst, die Schüler vor dem Hakenkreuz in Reih und Glied versammelt und zum kollektiven Hitler-Gruß verdonnert; gemeinsam musste man die Reden von Hitler, Goebbels und Göring aus dem Volksempfänger in der Aula über sich ergehen lassen, zur Nationalhymne das Horst-Wessel-Lied absingen.
Man war im Jungvolk und in der HJ; die Mädchen im BDM.
Eine Hälfte hat nicht erlebt, dass man bei Unterrichtsbeginn mit „Heil Hitler“ und erhobenem Arm grüßen musste, die andere Hälfte jedoch hat dies durchaus bewusst registriert, sogar dass der ein oder andere Lehrer das Ritual auch mit Überzeugung absolvierte.
Die einen haben im Unterricht rückblickend keinerlei ideologische Färbung wahrgenommen; den anderen ist nicht entgangen, dass es Ideologie war, wenn im Rahmen des Biologie-Unterrichts über Erblehre bei gewissen Lehrern Schädel vermessen wurden, die Menschen in „höherwertige“ und „minderwertige“, ja „zersetzende Rassen“ eingeteilt wurden, und man zu verinnerlichen hatte, was „Rassenschande“ war.
Aber dass Jesus ein Arier gewesen sei, und kein Jude, das hörte man nicht im Religionsunterricht (obwohl einer der Fachlehrer aktiver Nazi war), sondern las man im „Stürmer“, der in einem Schaukasten am Thielplatz aushing.
Im Englischunterricht wurden nun bevorzugt Geschichten von Kriegshelden behandelt.
Im Deutschunterricht: Kampf, Krieg, Heldentum.
Und natürlich wurden Hitlers Reden oder Auszüge aus ‚Mein Kampf’ schon 1933 nicht nur im Unterricht gelesen, sondern auch für Themen deutscher Aufsätze benutzt...“
Kafka, Brecht, Döblin oder Thomas und Heinrich Mann … wurden verdrängt; Autoren wie Binding, Beumelburg, Kolbenheyer, Molo, Anacker oder Grimm („Volk ohne Raum“) nahmen ihren Platz ein.
| Fachunterricht (besonders Geschichte, Alte Sprachen, Biologie, Deutsch22) ) und Jahresarbeiten waren von der NS-Ideologie durchzogen; auch Abituraufgaben, z.B.: „Warum bin ich in der SA?“ oder „Warum muss der junge Deutsche heute einer politischen Jugendorganisation angehören?“23) |
Auch am AGD wird der Unterricht durch nationalsozialistisch geprägte Schulveranstaltungen ergänzt: Filme, politische Feierstunden und -tage, Flaggenhissungen ...
| „Ich selbst habe in diesem Sinne gelebt: nationale Jugendbewegung, Freikorps, Wehrmacht, NSDAP, vor der Machtergreifung versteht sich. Die Reue fing 1933 an, vermochte allerdings die militärische Loyalität nicht aufzuheben. Es folgten drei Jahre der Buße in Gestalt der Amtsenthebung durch die Besatzungsmacht, die ich als gerechtfertigt und fruchtbar erfahren habe.“(Prof. Karl Rohde) |
Eine seltene und daher hervorhebenswerte Einschätzung.
Anders dagegen die noch 1986 formulierten Feststellungen zur Amtsführung und Amtsenthebung des damaligen Schulleiters des Steglitzer Gymnasiums Sommer (→ Gymnasium Steglitz (Heese-Gymnasium)).
Diese Schulbiografie unterscheidet sich in ihrem Faktenreichtum, in ihrem Bemühen um Geschichtsehrlichkeit, auch in den politisch-pädagogisch akzentuierten Wertungen deutlich von allen anderen Internetdarstellungen.
Eine solche schulgeschichtlich informierende Homepage-Darstellung ist für die heutige Generation sinnvoll. Wie die Heutigen solche Informationen beachten und werten, muss ihnen überlassen bleiben. Die Homepage dieser Schule wird jedenfalls dem Diktum ihres ehemaligen Schulleiters Wachsmuth gerecht: „Schulgeschichte ist ein Widerschein der Zeitgeschichte.“
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